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Die Ostsee als Thema der Petersburger Schriftsteller

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    Natalya Tolstaya
1. Rußland ohne Meere
 
Von allen Zaren, die je den russischen Thron bestiegen, wurden nur zwei mit dem Titel „Groß“ geehrt. Unter den russischen Alleinherrschern gab es einen „Schrecklichen“, einen „Stillen“, einen „Gesegneten“, einen „Befreier“, und sie haben Vieles für ihr Land und Volk geleistet. Zum Beispiel Alexander II.: er hat die Bauern aus der Versklavung des Leibeigentums befreit, zahlreiche bahnbrechende Reformen in Gang gesetzt, die Rekrutenzeit von 25 Jahren abgeschafft, - hat nicht auch dieser Zar den Titel „der Große“ verdient? Freilich wird Alexander II. bis heute noch verübelt, daß er Alaska, damals ein russisches Gebiet, an Amerika verpachtet hatte und es nie wieder zu Rußland mehr gehörte. Die „Großen" – Peter und Katharina – eroberten für Rußland den Zugang zu den Meeren: Peter I. – zur Ostsee, Katharina II. – zum Schwarzen Meer.
Jahrhunderte lang hatte Rußland keinen Anschluß ans Meer. Das Weiße Meer im Norden konnte die Bedürfnisse eines riesigen Landes nicht befriedigen. Das Heilige Rußland in der Zeit vor Peter I. war ein Land der Kirchen und Klöster, ein Land ohne Schulen und Universitäten, ohne säkulare Kunst. Der Alltag der Großfürsten und Zaren vor Peter war recht einfach: man stand früh auf und ging beizeiten zu Bett, dreimal am Tag hatte man lange Gottesdienste in der Kirche durchzustehen, man aß und trank viel, nach dem Essen wurde ausgiebig geschlafen. Man hatte es nicht eilig. Die Ausländer wurden schief angesehen, doch ohne sie als Fachleute konnte man auch nicht auskommen. Von diesem in einen Langschlaf versunkenen Land sprach der Mönch Philophäus in seinem Wort, das noch 400 Jahre danach wiederholt wurde: „Moskau ist das dritte Rom und ein viertes wird es nicht geben“. Natürlich verglich er Moskau und Rom, nicht etwa weil sie beide auf sieben Hügeln lagen.
 
 
2. Die Ostsee - Rußlands Fenster nach Europa
 
Das Anfang des XIX. Jahrhunderts geschriebene Poem "Eherner Reiter" von Puschkin enthält die berühmten Worte, die sehr oft zitiert werden. Der Dichter spricht von dem sich aus Sümpfen emporrichtenden Petersburg, dem Venedig des Nordens:
 
Hier haun wir, wie's Natur uns weist,
das Fenster nach Europa dreist,
um fest am Meere Fuß zu fassen;
Hierher auf neuen Wellen fast
Nahn alle Flaggen uns zu Gast -
Hier wird sich's Feste feiern lassen.
 
Die Tatsache, daß Rußland sich den Zugang zur Ostsee verschafft hatte, wurde vom Monarchen, seinem Volk und später auch von den Poeten enthusiastisch aufgenommen. Puschkins Poem ist jenem Mann gewidmet, "dessen Wort gleich Schicksalsmacht, die Stadt gegründet unterm Meere". Puschkins Erbe wurde von allen Schriftstellern stets berücksichtigt, wenn sie von Petersburg, Newa und der Ostsee sprechen wollten. Aber nicht alle teilten die Begeisterung Puschkins und seine Hoffnungen,
 
Es mögen ihre Wut uralt
Vergessen Finnlands rauhe Wellen
Und nicht mehr nutzlos zornig gellen
Und stören Peters ewigen Schlaf! [1]
 
Puschkin war der letzte Sänger vom glänzenden Petersburg, das an der Ostsee lag. Puschkin selbst war kein einziges Mal im Ausland, aber nicht weil er es nicht wollte, sondern weil ihm der Zar Nikolaj I. Reisen ins Ausland zeitlebens nicht gestattete. Um mit dem entsprechenden Terminus aus der Sowjetzeit zu sprechen, Puschkin hatte „Ausreiseverbot“. Das Fenster, das Peter „aufgestoßen“ hatte, stellte sich als vergittertes Gefängnisfenster heraus.
Sofort nach der Oktoberrevolution 1917 setzte eine Fluchtwelle in den Westen über die Ostsee an. Sofija Schapirova flüchtete 1918 nach Finnland und beschrieb es später in ihren Erinnerungen: „Der Ort, von dem aus die Flucht begann, hieß Lachta, es war eine Grenzsiedlung. Nachts spannte ein finnischer Bauer einen Wagen an. Der Flüchtling mußte sich dort auf den Boden legen und man deckte ihn mit Heu und Säcken zu. Ganz plötzlich gingen die Türen der Scheune auf und das Gespann raste in Windeseile über das Eis des Finnischen Meerbusens nach Finnland.“ Von den Forts der Kronstadter Festung wurden die Flüchtigen aus den Gewehren beschossen, doch viele schafften die Flucht. Der Bruder des berühmten Übersetzers Michail Losinskij hatte denselben Weg genommen, aber erst im Sommer mit einem Boot. Der junge Mann konnte nur einen Stapel seiner Lieblingsbücher mitnehmen. Unterwegs mußte sich das Boot bald im Schilf verstecken, bald wurde kräftig gerudert. Die Flucht gelang ihm. Später wurde der junge Mann Professor an der Sorbonne und starb vor Hunger im von den Deutschen besetzten Paris, nachdem er die Kollaboration mit den Besatzern ablehnte. Seine Tochter bewahrt in ihrer Bibliothek immer noch Bücher, die ihr Vater einst mit ins Boot nahm, und zeigt den Freunden die Flecken vom Wasser des Finnischen Meerbusens.
 
In der sowjetischen Geschichte gab es einen einzigartigen Vorfall: das GPU, der Vorläufer vom KGB, hat die Andersdenkenden einmal nicht erschossen und nicht ins Gefängnis geworfen, sondern Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller und Persönlichkeiten öffentlichen Lebens, die die neuen Machthaber für hoffnungslos bezüglich ihrer Bekehrung zum kommunistischen Glauben hielten, in einer Gruppe versammelt und sie über die Ostsee nach Deutschland deportiert. Es waren ungefähr 25 Ausgewiesene, mit den Familienmitgliedern insgesamt 70 Menschen. Das war einmalig und wiederholte sich nie wieder. Das Schiff, mit dem die Verbannten fuhren, hieß fortan die „Philosophenfähre“. An Bord waren so gut wie alle bedeutenden russischen Philosophen jener Zeit: Nikolaj Berdjajew, Sergej Frank, Theologe Sergej Bulgakow u.a. Sie beschrieben diese Fahrt in ihren Artikeln und Erinnerungen.
 
 
3. Die Hauptstadt mit dem Rücken zum Meer
 
Petersburg war als Vorposten Rußlands an der Ostsee angelegt worden. Doch der Mittelpunkt des Stadtlebens war nicht an der Küste. Denken wir wieder an das bereits erwähnte Poem „Eherner Reiter“: das geliebte Mädchen des Helden lebte mit ihrer Mutter „fast direkt an der Bucht“ und das Leben dort gestaltete sich eher karg: „ein ungestrichener Zaun, eine Weide, ein morsches Häuschen“. Die wohlhabenden Petersburger bauten ihre Häuser nicht an der Küste. Anfang des XIX. Jahrhunderts hat sich die Strelka, die Wassiljewskij Inselspitze, ausgeprägt: hier wurde die Börse mit der Figur des Poseidon, des griechischen Gottes des Meeres, erbaut und die Rostrasäulen als Leuchttürme aufgestellt. Das war ein Welthafen mit allen dazugehörenden Attributen und Symbolen. Hier legte das erste Handelsschiff aus Holland an. Auf den Kais stapelten überall bergeweise Waren. Der Hafen lag mitten in der Hauptstadt und nicht an der Meeresküste.
In einer der Erzählungen von Ivan Gensler (1820-1870) finden wir eine interessante Beschreibung einer abgelegenen Ecke von Petersburg, der Gavan'. Das Thema der Überschwemmung wird von ihm in einem ganz alltäglichen Ton behandelt, denn Gavan', wie auch das gesamte Petersburg, wurde jeden Herbst überflutet: „Während man in den anderen Stadtteilen ruhig noch den dritten Kanonenschuß vernimmt, der den bedeutenden Anstieg des Wasser in der Newa ankündigt, kommt alles in Gavan' in Bewegung, alles sputet sich. Zurecht auch: sehr oft verwandelt sich Gavan' danach in Venedig.“ Aber die Bewohner der Gavan'' verlassen diesen Ort nicht. „Alles in Gavan' sieht dem Verfall nahe aus, überall pfeift es aus allein Löchern, krächzt und hustet. Diese vergreisten Häuschen würden ja zu gern sich hinlegen, zur verdienten Ruhe, nach all dem erlebten Trubel, nach all dem Gewitter und Unwetter. Sie sind grau geworden, modrig wie Holzkreuze über den Gräbern ihrer ersten Besitzer, die längst im Schatten der Birken des Smolensker Friedhofs ruhen.“
 
Zwei Jahrhunderte lang blieb alles an der Küste des Meerbusens im unberührten Zustand. Schriftsteller und Dichter der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts haben die Vororte liebgewonnen und suchten dort die noch nicht erforschten Seiten eines Stadtlebens. Aber allmählich änderte sich das Bild der Hauptstadt in ihrer Wahrnehmung. Ein neues Thema kündigte sich an und wurde sofort aufgegriffen: das Thema des unausweichlichen Untergangs von Petersburg. In der Phantasie der Autoren soll diese künstlich konzipierte und errichtete Stadt verschwinden, in den Meeresfluten untergehen. Im Gedicht von Michail Dmitrijew "Stadt unter Wasser", das eine Paraphrase von Puschkins Zeilen über Petersburg ist, setzen ein alter Fischer und ein Junge ein morsches Boot aus. Der Junge ist betrübt und fragt den Alten, "warum das Meer stöhnt". Der Alte zeigt auf eine Turmspitze, die aus dem Wasser ragt und an der sie ihr Boot festbanden, und sagt,
 
Hier war einst eine Stadt, gütig für alle,
und über alle hoch.
Und jetzt - die Kirchenspitze, nur sie eine
schaut aus dem Meere noch.
 
Die Stadt ist wegen ihrer Sünden zerstört worden, wie einst Sodom und Gomorrha. Das war bereits die zweite russische Legende über eine Stadt unter dem Wasser. Die erste, alte Legende erzählte über die Stadt Kitesch, die beim Einfall der Tataren ganz unter Wasser ging.
Daß die Stadt irgendwann niedersinkt, glaubten nicht nur politische Gegner von Peter I., sondern auch die sturen Moskauer Bojaren. Daran glaubte aber auch das Volk, das nun nicht verstand, wozu man mitten in einer kahlen und fruchtlosen Umgebung unbedingt, ja um den Preis von Tausenden Menschenleben, eine Stadt errichten muß, die niemand außer dem Zaren selbst wirklich braucht. Für Dmitirij Mereschkowskij (1866-1941), den Philosophen der Mystik, bedeutete Petersburg eine mißlungene Synthese zwischen Rußland und dem Westen, eine Vergewaltigung der russischen Geschichte: diese Stadt war von Anfang an dem Untergang geweiht. Bei der Geburt der Stadt entstand nach Mereschkowskij auch das Schreckbild von Petersburgs Untergang. Im Roman "Peter und Aleksej" ist die Stadt eine der handelnden Personen, die eine wesentliche Rolle im Schicksal der Romanhelden spielt. Das Thema der Überschwemmung hat Merschkowskij besonders angezogen. In seinem Roman lesen wir, daß Peter I. in aller Augen nur die archaische Angst vor dem Wasser sah, die er zeitlebens zu bekämpfen versuchte. Der Volksmund warnte: " Vom Meer der Verderb", "von großem Wasser kommt nur Unglück".
"Petersburg wird wüst und leer sein!" - diese Prophezeiung geht auf das Buch Jeremia zurück, in dem der Untergang und die Überflutung von Babel vorausgesagt wird. Bekannt sind zwei Arten von Dokumenten, die diese legendäre Verdammung der Stadt festhielten: zum einen sind es Verhörprotokolle des ältesten Sohnes von Peter I. Aleksej, in den dieser Fluch seiner Mutter, der Zarin Jewdokija Lopuchina zugeschrieben wird. Eine andere Quelle sind Dokumente der Geheimkanzlei aus dem Jahr 1722, die über ein Gerücht berichten: auf dem Glockenturm der Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit nistete sich eine Kikimora, also eine Nachthexe, ein, woraufhin der Diakon dieser Kirche den Bann über die Stadt aussprach, die von ihren Bewohnern verlassen sein wird. Im XIX. Jahrhundert entwickelte sich diese Weissagung zu einer feststehenden Formel und wurde im XX. Jahrhundert von vielen literarischen Werken aufgegriffen (zum Beispiel im "Poem ohne Helden" von A.Achmatowa).
 
 
4. Die Stadt der Schuld und Sühne
 
Im vielfältigen literarischen Nachlaß von Fjodor Dostojewskij (etwa 30 Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten) finden sich ungefähr 20 Werke, in den Petersburg als Kulisse für die Handlung auftritt. Dostojewskijs Verhältnis zu Petersburg war tief und schwierig. Die nördliche Hauptstadt wurde von Dostojewskij auf vielerlei Weisen dargestellt. Seine Beurteilungen Petersburgs sind sehr widersprüchlich, man kann es kaum verstehen, wie sein Gefühl in Bezug auf diese Stadt tatsächlich war: bald entsteht die Figur eines schwindsüchtigen Mädchens aus "Weißen Nächten", die ein Sinnbild Petersburgs verkörpern soll; bald wird behauptet, die Metropole hätte nichts Eigenes, alles in ihr wäre nur Entlehnung und Entstellung.
Die Aufmerksamkeit Dostojewskijs richtet sich auf das Petersburger Urelement, auf das Wasser. Die Newa mit ihren Kanälen und Armen spielt eine große Rolle in seinen Werken. Oft erleben wir seine Helden, die gebannt das schwarze Wasser anstarren. Petersburg entstand weit weg von den Quellen der russischen nationalen Mentalität, Dostojewskij nennt Petersburg "die erfundenste Stadt in der Welt".
Die für das XIX. Jahrhundert typischen Bilder der "Physiologie einer Stadt" lassen sich auf den Seiten von Dostojewskijs Prosa oft wieder finden. Angespannt betrachtet er die Stadt. Ihr farbloses, kaltes, krankes Antlitz schreckt den Schriftsteller nicht ab, er ahnt hinter dieser abstoßenden Hülle eine andere Innenwelt: "Hundertmal stellte sich bei diesem Nebel ein seltsamer Traum bei mir ein: was wäre, wenn der Nebel verfliegt und nach oben geht, und mit ihm zusammen auch diese aasige Stadt? wenn sie zusammen mit dem Nebel aufsteigt und sich auflöst wie der Rauch, und nur der alte finnische Sumpf zurückbleibt..." Im berühmten Roman "Schuld und Sühne" wird Petersburg als eine Stadt der Finsternis, des Windes und der Nässe dargestellt. Die Handlung des Romans wird von zwei konsequent verfolgten Strängen gebildet, die dem Titel entsprechen: die Geschichte Raskolnikows und die Swidrigajlows. Raskolnikow begeht sein Verbrechen nicht weit vom Sennaja Platz, dem Heumarkt, hier auch bekennt er seine Schuld und bittet Menschen um Vergebung. Swidrigajlow begeht das Verbrechen "in einer dunklen Nacht, bei Finsternis und Kälte, beim nassen Tauwetter und heulenden Wind" und geht dann zur Petrowskij Insel, um in einer ebenso finsteren und nassen Nacht sich das Leben zu nehmen. Die Petrowskij Inselspitze ragt in den Finnischen Meerbusen hinein, der auch scheint, ins tragische Finale mit einbezogen zu werden. Denken wir an die Worte vom russischen Menschen aus dem Roman "Die Brüder Karamasow": seine Seele sei zu breit, man sollte sie einengen, damit das Ideal von Sodom sich nicht mit dem Ideal der Madonna in ihr verträgt. "Swidrigajlow ging über das glitschige, schmutzige Holzpflaster in Richtung der Kleinen Newa. Immer wieder sah er das über Nacht stark gestiegene Wasser, die Petrowskij Insel, nasses Gras, nasse Bäume und Sträucher." Wie wir sehen, Akzente, die Dostojewskij ständig auf Wasser, Nässe, Feuchtigkeit setzt, sind nicht zufällig.
"Kalte und nasse Abende, an denen alle Fußgänger blasse, grünliche Gesichter haben" ("Schuld und Sühne"); "Eine schreckliche, nasse, diesige Nacht, in der der Wind schwarzes Wasser in die Höhe hob" ("Der Jüngling"); "Die Gräber, mit Wasser darin, nur Wasser und so grün" ("Bobok"). Swidrigajlow erscheint wie ein Gespenst vor Raskolnikow und verschwindet wieder im nassen nebligen Petersburger Morgen und das Wasser wird vom Leser als das Element der Sünde empfunden.
 
 
5. Das Zwanzigste Jahrhundert
 
Zwei hervorragende Dichter des XX. Jahrhunderts Aleksander Blok und Anna Achmatowa haben unterschiedliche Bilder von Petersburg geschaffen. Blok ist in einem der Gebäude auf dem Territorium der Sankt Petersburger Universität geboren worden, sein Großvater war der Rektor dieser Universität. Blok genoß den Ruhm des ersten Dichters in ganz Rußland, er akzeptierte die revolutionären Ereignisse von Februar und Oktober 1917 und glaubte an die Erneuerung der Welt (denken wir an das Poem "Die Zwölf"). Aber nach dem Staatsstreich im Oktober 1917 kam der Bürgerkrieg, der den Hunger, die Verhaftung der politischen Geiseln und Verfolgung von Intellektuellen mit sich nach Petersburg brachte. Als der Dichter, nun in völliger Isolation, seinen fatalen Fehler einsah, wurde er schwer krank und starb.
 
Blok nannte Petersburg "meine unbegreifliche Stadt". Alle Stadtteile - die Gavan', die Kanäle und Vororte - fanden Nachklang in seinen Gedichten. So bekommt zum Beispiel Petersburg als Hafen auch eine unerwartete Ausleuchtung, die Stadt wird mit dem Atem des Meeres erfüllt: "Und in den Gassen riecht das Meer". Die Weiten der See wecken romantische Träume und die Sehnsucht nach fernen Ländern. Doch in Petersburg vor dem ersten Weltkrieg findet der Dichter keine Romantik. Im Gedicht "Im nördlichen Meer" stellt er einen Kurort am Finnischen Meerbusen dar:
 
Was haben nur die Stutzer und die Modepuppen
Für ihre Promenaden aus dem Seestrand gemacht?
Ringsum die Tische. 's wird gegrillt, gemanscht,
dazu die Brause. Dann am Strand entlang
wird hin und her spaziert und stumpf gelacht,
salzige Luft wird mit dem Klatsch verpestet.
 
Quabbliges Fleisch und Busen sind entblößt,
man kreischt und geht ins Wasser. Ungelenke Füße
betasten Meeresboden. Und man schreit,
damit bloß alle sehen, wie sie sich vergnügen.
 
Wie jeder große Dichter konnte Blok die spießigen Geschmacklosigkeiten nicht ertragen, nur konnte er nicht wissen, daß ihm weitaus schlimmere Prüfungen ins Haus standen.  
 
Anna Achmatowa (1889 - 1966) ist am Schwarzen Meer geboren worden, dort verbrachte sie auch ihre Jugend. Südliches Rußland, heute die Ukraine, unterschied sich damals wie heute gewaltig von Petersburg: sprachlich und kulturell, in Sitten und Gepflogenheiten. Achmatowa verzichtete restlos auf ihr südländisches Erbe und bewahrte ihr neues Image für immer - die schlichte und gleichzeitig würdevolle Haltung eines Dichters von Gottesgnaden. Von Achmatowa sagte man: jeder Poet hat eine Muse, nur Achmatowa braucht sie nicht, sie ist nämlich selbst eine. Anna Achmatowa hat alle tragischen Erfahrungen des XX. Jahrhunderts in Rußland mitmachen müssen: "Der Mann ist tot, der Sohn in Haft. Betet für mich zu Gott!" - das sind die Zeilen aus ihrem berühmten "Requiem", dem Zyklus von Gedichten über Stalins Terror.
In den letzten Lebensjahren, nach einer langen Phase des Schweigens wurde Achmatowa, damals bereits eine ältere und kranke Frau, wieder berühmt. Vom Schriftstellerverband bekam sie eine kleine Datscha in Komarowo (Terioki) zur Verfügung gestellt, sie nannte dieses kleine Haus budka (ein Häuschen, eine Bude). Diese Gegend, die Karelische Landenge, hat Achmatowa liebgewonnen, viele ihre Gedichte sind hier, von der Nähe der Ostsee inspiriert, entstanden: "Ich höre der Schiffsmasten Knarren", "Und diese Luft, die Luft des Frühjahrs, die über See geflogen kam" - es sind Gedichtzeilen aus verschiedenen Jahren, die aber alle das Thema "Das Meer" verbindet.
 
Das Land, zwar nicht die Heimat,
doch stets in Erinnerung da,
des Meeres eisiges Wasser
ist gar nicht salzig und zart.
Der Sand ist weißer als Kreide,
Die Luft berauschend wie Wein,
die rosa Nacktheit der Kiefern
im Abendsonnenschein.
 
Diese Zeilen entstanden 1964, zwei Jahre vor ihrem Tod. Achmatowa gehört zu den Dichtern der Tradition Puschkins.
 
Eigentlich wurde das Thema der Ostsee in der russischen Literatur nur in Verbindung mit Petersburg behandelt. Es ist so gut wie unmöglich, alle Poeten und Schriftsteller aufzuzählen, die über Petersburg schrieben, oft zwiespältig sogar - bald eine Hymne, bald ein Fluch.
Am Ende meines Vortrags möchte ich zu seinem Anfang wieder zurückkehren: dort ging es um die Ursprünge.
 
Als Junge lebte der künftige russische Zar Peter I. mit seiner Mutter in einem Vorort bei Moskau. Dort stöberte er einmal in einer Scheune und entdeckte ein altes Schiffchen, ein Geschenk der englischen Königin an den Zaren Iwan den Schrecklichen. Der Zar Iwan kam aber ohne Meere aus und selbst die Flußschiffahrt mochte er nicht. Deswegen wurde das Schiffchen zu seinen Lebzeiten kein einziges Mal zu Wasser gebracht. Der wißbegierige Junge ließ das Schiffchen reparieren und begann damit auf dem Moskauer Fluß Jausa zu fahren. Laut der Legende fand der künftige Schöpfer des Zarenreiches den Geschmack an Wasserweiten, die ihn dazu verführten, den Zugang zur Ostsee zu erkämpfen, die russische Flotte zu bauen und Sankt Petersburg zu gründen. Innerhalb des ältesten Baus der Stadt, der Peter-und-Paul-Festung, steht die sogenannte Bootshütte auf dem Festungsplatz. Sie wurde eigens für die Bewahrung des Schiffchens von Peter I. gebaut, das nun der "Großvater der russischen Flotte" genannt wird.
 
Ich lasse bewußt den zweiten Weltkrieg und die Blockade Leningrads aus, die in zahlreichen Gedichten, in der Prosa und Dramatik widerspiegelt wurden. Ich sprach auch nicht von Kronstadt, der Festungsstadt auf einer Insel. Übrigens, es ist nicht sehr lange hin, bis Kronstadt seine Insellage aufgibt: der Damm, den man bereits zu den Sowjetzeiten zu bauen begann, dann aber wegen der Finanznot aufgab, wird nun doch fertig gebaut.



[1] Die beiden Puschkin-Zitate in der Übersetzung von Johannes v. Guenther. Anm.d.Ü.