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Bobrowskis Konzeption eines Sarmatischen Divan und die Genese der Gedichtbandtitel "Sarmatische Zeit" und "Schattenland Ströme"

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    Eberhard Haufe

Überblickt man die deutschsprachige Dichtung seit 1945, so nimmt sich das lyrische Werk Johannes Bobrowskis darin zunehmend wie ein erratischer Block aus. Wo fände sich ein zweites Mal ein solch geschlossener und zumindest der Intention nach so großer, in Raum und Zeit so weit ausgreifender lyrischer Weltentwurf wie bei diesem Dichter! Für sein schier enzyklopädisches Vorhaben einer lyrischen Gesamtdarstellung der östli­chen Welt fand Bobrowski in den fünfziger Jahren den anspruchsvollen Arbeitstitel Sarmatischer Divan. Seine bisher früheste faßbare Formulierung steht in einem Brief an Pe­ter Huchel vom 1. Juni 1956:

... möcht ich im Lauf der Jahre eine Art Sarmatischen Divans zusammen bringen, worin das Land zwischen Weichsel und Ural mit seinen Völkern, mit Historie und Landschaft ungefähre Gestalt bekommt. Und eben die Rolle meines Volkes darin. Ich hab also nicht viel Angst, nur übliches 'Fürchten und Zittern', ohne daß keine Zeile zusammenkommt.

Daß mit Sarmatischer Divan - im Gegensatz zum Westöstlichen des Weimarer "Groß­schriftstellers" - kein Buch-, sondern nur ein Arbeitstitel gemeint war, hat Bobrowski 1964 brieflich gegenüber dem belgischen Germanisten Frans Vandenbroeck ausdrücklich betont. Dieser Arbeitstitel sollte, wie er schrieb, "die verschiedenen geographischen Be­reiche innerhalb des (übergeordneten) Begriffs Sarmatien zusammenhalten". Unmittelbar dazu gehört in Bobrowskis Nachlaß eine Landkarte von Osteuropa. Es ist, als herausge­löstes Blatt, die Karte Nr. 75 Europäisches Rußland aus Band 16 des Großen Brockhaus von 1933. Auf ihr trug Bobrowski die verschiedenen geographischen Bereiche seiner sarmatischen Dichtung mit Tintenstrichen als fünf Zonen ein: als Zone l das ehemalige Ost- und Westpreußen, das Land der Kindheit und der Herkunft seiner Familie, als Zone 2 Li­tauen, Lettland, Estland, dazu die südliche Hälfte von Finnland (wovon Litauer und Let­ten zusammen mit den untergegangenen Altpreußen oder Pruzzen die baltische, Finnen und Esten, mit Liven, Kareliern u.a., die ostseefinnische Völker- und Sprachengruppe bilden), als Zone 3 (die Karte ist eine geographische, keine politische) Rußland bis nach Sibirien und bis zum Schwarzen Meer, als Zone 4 Polen und als Zone 5, am linken Rand der Karte, den Ostseeraum bis zur Südspitze Schwedens. Das war mehr als das eigentli­che Osteuropa, das in der Spätantike den Namen "Sarmatia" trug. Geht man von den Ent­stehungsdaten der Texte Bobrowskis zu den einzelnen Zonen aus, so ist diese Kartenauf­teilung kaum vor 1960, auf alle Fälle aber vor 1964 erfolgt. Polnisches taucht in Bo­browskis Versen erst 1960 auf; Stockholm, das er 1964 besuchte - danach entstand das Gedicht Humlegård - ist noch in keine der Zonen einbezogen. Nach Finnland kam Bo­browski zwar auch erst 1964, aber Finnisches enthielt schon das Gedicht Vogelstraßen von 1957, ein Jahr darauf entstand das Gedicht Aleksis Kivi.

Der Plan eines Sarmatischen Divan, wie er von Bobrowski zuerst 1956 formuliert wird, geht im Ansatz weiter zurück. Als im März 1952 das erste Gedicht in der eigenen Sprache entstand ("Städte sah ich im stäubenden / Wind"), erklärte der Autor brieflich dazu, es sei "eine östliche Landschaft von 1942" und stelle den "Anfang eines 'Landschaften'-Projekts" dar. Das scheint schon auf die "verschiedenen geographischen Bereiche" zu deuten, die später durch den 'Divan'-Begriff im Oberbegriff "Sarmatien" zusammen­gehalten werden. Gleich dieses erste sarmatische Gedicht ist von schier visionärer Weit­räumigkeit, Landschaft darin also großräumig verstanden. Wenn immer Bobrowski später seine lyrische Konzeption umschrieb oder erläuterte, fiel auch das Wort "Landschaft" in diesem Sinne. In der vielzitierten Notiz für Hans Benders Anthologie Widerspiel vom Juli 1961 heißt es: "Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten" (GW IV 335). Der Versuch von 1941, mit Hil­fe der Odenform die russische Landschaft "in den Griff zu bekommen, außerhalb der ein­fachen Beschreibung" (GW IV 480), wie Bobrowski es 1965 rückblickend nannte, war freilich noch kaum gelungen. Auch deshalb konnten, mußten die alten Themen aus den Kriegsjahren später nochmals aufgegriffen werden, nun verknüpft mit der höheren künst­lerischen und mit jener moralisch-politischen Intention, die schon Bobrowski selbst so oft und allein betont hat, daß man den Eindruck hat, dies sei auch aus der Absicht gesche­hen, sich damit den nötigen Freiraum für eine Dichtung zu schaffen, deren Eigentümlich­keit, Schwierigkeit, 'Dunkelheit' völlig konträr stand zu den in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in der DDR herrschenden oder herrschend gemachten poetischen Ten­denzen und Praktiken. Doch sicher war es ebenso die Rechtfertigung, die immer neue und neu nötige, seiner 'Poeterei' vor sich selbst. Die ausführlichste Darlegung seiner sarmatisch-moralischen Intention steht in dem Brief an Hans Ricke vom 9. Oktober 1956, vier Monate nach der zitierten Kurzfassung im Brief an Peter Huchel. Da der Brief in der Ein­leitung der Gesamtausgabe ausführlich zitiert ist, hier nur die wichtigsten Sätze daraus:

Ich will ... in einem großangelegten (wenigstens dem Umfang nach) Gedichtbuch gegenüberstellen: Russen, Polen, Aisten samt Pruzzen, Kuren, Litauern, Juden -meinen Deutschen. Dazu muß alles herhalten: Landschaft, Lebensart, Vorstellungs­weise, Lieder, Märchen, Sagen, Mythologisches, Geschichte, die großen Reprä­sentanten in Kunst und Dichtung und Historie. Es muß aber sichtbar werden am meisten: die Rolle, die mein Volk dort bei den Völkern gespielt hat. Und so wird die Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeit, für mich: der Krieg der Nazis, einen we­sentlichen und sicher den gewichtigsten Teil ausmachen. So werde ich in den Ge­dichten stehen, uniformiert und durchaus kenntlich (GW I XLIV).

Es wäre eine reizvolle Aufgabe, im einzelnen zu verfolgen, wie diese vielgestaltige und breitgefächerte sarmatisch-moralische Bilderwelt sich in Bobrowskis Gedichten entfaltete, freilich auch, wie der Großplan von 1956 schon nach wenigen Jahren reduziert wurde, weil er ebenso über die Kräfte des Dichters ging, wie er weder in West noch Ost auf ein nachhaltiges Echo rechnen konnte. Hier soll ein anderer Weg begangen werden. Unter dem Aspekt des Sarmatischen Divan soll nach der Entstehung und genauen Bedeutung der beiden Gedichtbandtitel Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme gefragt werden, die zweifellos zu den eindrucksvollsten Titeln innerhalb der damaligen deutschen Lyrik zählen. Das philologische Detail wird, so hoffen wir, ins Grundsätzliche führen.

Der sarmatische Name im Titel des ersten Bandes von 1961 mußte in der damaligen Literaturlandschaft der DDR und der Bundesrepublik - der Band erschien zuerst in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart - gleichermaßen fremd, wenn nicht gar befremdend und exotisch wirken. Als Bobrowski im November 1960 auf der Aschaffenburger Ta­gung der Gruppe 47 Gedichte daraus vortrug, erklärte er in einer Vorbemerkung (laut sei­ner Notiz auf dem Einladungsbrief von H. W. Richter): "Unter Sarmatien verstehe ich nach Ptolemäus das Gebiet zwischen Schwarzem Meer und Ostsee, zwischen Weichsel und der Linie Don-Mittlere Wolga. Ein Gebiet, aus dem ich stamme und in dem ich her­umgekommen bin". Diesen Namen der ptolemäischen Weltkarte, der sich durch die ge­lehrte lateinische Tradition über die Jahrhunderte hinweg erhielt, griff Bobrowski offen­bar aus einem mehr praktischen und einem mehr poetisch-historischen Grund auf. Sarmatien bot sich als Ober- und Sammelbegriff für die einzelnen geographisch-ethnographi­schen Bereiche Osteuropas an, wie er sie in Kindheit und Jugend, im Zweiten Weltkrieg und in den langen Gefangenschaftsjahren kennengelernt hatte. Zugleich aber war es ein alter, in der neueren Geschichte und Geographie fast vergessener, damit aber nie miß­brauchter Name, der die so benannte Welt jeder aktuellen Mißdeutung entzog. Mit seinem Alter wies er in die Tiefe der Geschichte hinab, wies er die sarmatische Landschaft als Geschichtslandschaft aus. Kein zweites Epitheton kehrt in den Gedichten der Sarmati­schen Zeit so oft wieder wie das kleine Wort "alt". Als poetische Realität ist die sarmati­sche Landschaft darin immer auch eine alte Welt.

Den sarmatischen Namen kannte Bobrowski zweifellos aus dem geographischen Un­terricht des altstadt-kneiphöfischen Gymnasiums in Königsberg, noch sicherer aber aus dem - soweit ich sehen kann - einzigen damals noch einigermaßen gängigen Wortge­brauch. Eben diesen nahm er mit dem ersten der beiden Gedichte auf, in denen der sarma­tische Name begegnet, mit dem Gedicht Die Sarmatische Ebene von 1956. Schon die Großschreibung des Namens im Gedichttitel weist auf eine stehende Bezeichnung. In Meyers Lexikon von 1929 erscheint unter dem Stichwort SARMATIA tatsächlich noch, freilich nur hier, die "Sarmatische Tiefebene". In geographischen Werken unseres Jahr­hunderts fehlt sie durchweg und findet sich rückwärts erst tief im 19. Jahrhundert. Gleichwohl heißt es in Heinrich Sudermanns Bilderbuch meiner Jugend 1922 noch wie ganz selbstverständlich von der litauischen Heimat: "Aus ihren Heiden und Mooren scheint schon das Antlitz der Sarmatischen Ebene" (S. 73). An diesen offenbar einzigen noch gängigen Wortgebrauch, wenn nicht gar an diese Formulierung des von Bobrowski hochgeschätzten Sudermann, knüpft der Gedichttitel Die Sarmatische Ebene an. Das Gedicht gehört zu seinen zentralen lyrischen Texten. Nicht zufällig hat es 1956 die aus­führliche briefliche Darlegung der sarmatisch-moralischen Konzeption ausgelöst.

DIE SARMATISCHE EBENE

Seele,

voll Dunkel, spät –

der Tag mit geöffneten Pulsen, Bläue –

die Ebene singt.

Wer,

ihr wogendes Lied

spricht es nach, an die Küste

gebannt, ihr Lied:

Meer, nach den Stürmen,

ihr Lied –

Aber

sie hören dich ja,

lauschen hinaus, die Städte,

weiß und von altem Getön

leise, an Ufern. Deine

Lüfte, ein schwerer Geruch,

wie Sand auf sie zu.

Und

die Dörfer sind dein.

Dir am Grunde grünend,

mit Wegen,

schmal, zerstoßenes Glas

aus Tränen, an die Brandstatt

gelegt deiner Sommer:

die Aschenspur,

da das Vieh geht

weich, vor dem Dunkel,

atmend. Und ein Kind

folgt ihm

pfeifend, es ruft

von den Zäunen

die Greisin ihm nach.

         - - -

Ebene,

riesiger Schlaf,

riesig von Träumen, dein Himmel

weit, ein Glockentor,

in der Wölbung der Lerchen,

hoch –

Ströme an deinen Hüften

hin, die feuchten

Schatten der Wälder, unzählig

das helle Gefild,

da die Völker geschritten

auf Straßen der Vögel

im frühen

Jahr ihre endlose Zeit,

die du bewahrst

aus Dunkel. Ich seh dich:

die schwere Schönheit

des ungesichtigen Tonhaupts

- Ischtar oder anderen Namens -,

gefunden im Schlamm.

(GW I 30 f.)

 

Wie viele Gedichte seit 1952 nimmt auch dieses die Thematik der Oden der Kriegsjahre wieder auf. Damals, 1944 in Kurland, hatte Bobrowski nach den Oden auf einzelne russi­sche Städte und Landschaften den Ehrgeiz gehabt, wie er an Ina Seidel schrieb, "aus den vielen und vielfältigen Einzelbildern das eine Bild, gleichsam das Prinzip etwa des Stroms, der Ebene usw. zu fügen". Das war in den drei Oden Der Berg, Der Strom und Die Ebene (GW II 66-70) in verschiedenen Graden mißlungen, in der letzten am schlimmsten. Woran 1944 die redselige alkäische Ode scheiterte, das leistete zwölf Jahre später Die Sarmatische Ebene in nun freirhythmischen Versen exemplarisch und nicht nur dadurch, daß anstelle der Heimatlandschaft der sarmatische Großraum trat.

Weit mehr als von der Intention der motivgleichen kurländischen Ode wird die zentrale Bedeutung des Gedichts allerdings von der Tatsache erhellt, daß später eine Zeitlang der erste Gedichtband so heißen sollte. Ein Blatt im Nachlaß, dessen Rückseite im Mai/Juni 1959 für den später nicht ausgeführten Entwurf einer Mendelssohn-Bartholdy-Erzählung diente, trägt mit Maschine geschrieben den Titel Die Sarmatische Ebene l Gedichte. Dar­über steht oben links der Verfassername mit voller Adresse. Das ist kaum anders zu ver­stehen, als daß die damit bezeichnete Gedichtsammlung einem offiziellen Adressaten zu­gedacht war. Vor Mai 1959 hat Bobrowski nur einmal versucht, eine Gedichtsammlung zum Druck zu bringen, nämlich im März 1958, auf Zuspruch Erich Arendts, bei dem Ber­liner Verlag Rütten & Loening, von dem er das Manuskript drei Monate später mit der fa­den Erklärung zurückerhielt, man sehe keine Möglichkeit, die Gedichte in das Verlags­programm aufzunehmen. In einem Brief an Peter Huchel nannte Bobrowski die Sammlung ein "ziemlich wüstes Bündel in allen Farben von fast hundert Seiten Umfang". Mehr wissen wir nicht davon, nur jetzt also, daß der rasch wieder aufgelösten Sammlung das Gedicht Die Sarmatische Ebene offenbar als Titelgedicht diente. Noch die Berliner Aus­gabe des ersten Gedichtbandes sollte anfangs ebenso heißen, wie eine Notiz Bobrowskis auf einem Brief von Reiner Kunze vom Oktober 1960 belegt.

Nicht von ungefähr steht der sarmatische Name nur in diesem Gedicht von 1956 und in dem Stromgedicht von 1959. Ebene und Strom sind die beiden Grundfiguren der sarmatischen Landschaft, von ihnen wird sie unübersehbar geprägt. Es waren die Ebenen und Ströme Rußlands, neben den zerstörten alten Städten, von denen Bobrowskis Lyrik im Krieg und zum zweiten Mal seit 1952 ausging. Erst von ihnen her kam beide Male auch die ostpreußisch-litauische Heimat in den Blick. Sie blieben die elementare poetische Fas­zination des Dichters. Gleich in dem ersten sarmatischen Gedicht von 1952 heißt es von den russischen Städten: "Und die Ebene geht / durch ihre Gassen, trägt die Gärten hinaus ... Nachts aber ist's, als führen / sie breite Ströme hinunter" (GW II 221). Schon hier tritt die Ebene als handelnde in großer Lebendigkeit auf, d.h. sie ist weniger die geographi­sche als eine Erscheinung von mythischer Natur.

Genau als solche präsentiert sich Die Sarmatische Ebene von 1956. Gleich eingangs heißt es schwergewichtig: "die Ebene singt" "ihr wogendes Lied", nachgesprochen von einem, der an die Küste gebannt ist ("durch einen Zauberspruch", wie Bobrowski später einem englischen Übersetzer erklärte). Ihr Lied hören die Städte, die hinauslauschen. "Und / die Dörfer sind dein." Wenn es in der zweiten Gedichthälfte gar heißt "Ströme an deinen Hüften / hin", so gewinnt die Ebene momentweise vollkommen mythisch-perso­nale Gestalt. Wenn sie in mythisierender Anrede als "riesiger Schlaf, / riesig von Träu­men" bezeichnet wird, so steht das in bildlicher Korrespondenz mit dem "Dunkel", das bedeutsam im Anfang, in der Mitte und im Schluß des Gedichts figuriert. "Seele, / voll Dunkel, spät" - das umschreibt eingangs den Gesang der Ebene. In der Mitte das "Dun­kel", vor dem das Vieh geht, ist das der hereinbrechenden Nacht; die kleine ganz reale und doch archetypisch gesehene Szene lenkt vom Gesang der Ebene in das tatsächliche Leben ihrer Menschen. Desto wirkungsvoller dann das Pathos der zweiten Gedichthälfte, in dem die endlose Geschichtszeit der Sarmatischen Ebene beschworen wird. Diese "end­lose Zeit" bewahrt die Ebene "aus Dunkel", ein Bild, das sich rational nicht öffnet, aber auf das "Dunkel" des Gedichteingangs zurückweist, das - mit dem kleinen Wort "spät" gleichgeordnet - das Lied der Ebene umschrieb. Offenbar ist eine späte Weltstunde ge­meint, in der die endlosen Geschichtszeiten im Lied wie im Gedächtnis der Sarmatischen Ebene nicht anders mehr als dunkel gegenwärtig sind oder zu wirken vermögen.

Noch das letzte, zunächst völlig befremdende Bild des Gedichts deutet in die gleiche Richtung. Was hat "Ischtar", die babylonisch-sumerische Liebesgöttin, deren Hauptkult­stätte in Uruk lag, mit der Sarmatischen Ebene zu tun? Von dem "Tonhaupt", mit dessen schwerer Schönheit diejenige der Ebene gleichgesetzt wird, hat Bobrowski gegenüber dem belgischen Germanisten Vandenbroeck gesagt, es sei tatsächlich gefunden worden, mehr freilich nicht. Höchstwahrscheinlich hatte er im Vorderasiatischen Museum in Berlin den lebensgroßen Kopf gesehen, der die Bezeichnung "Frauenkopf aus Uruk - Gipsabguß - 2800 / 2700 v. Chr." trägt. Oder er sah die Abbildung des Bagdader Originals in Herbert Kühns Fischer-Band Der Aufstieg der Menschheit von 1955 (Tafel 11). Der Na­me Uruk legte die Vermutung "Ischtar oder anderen Namens" nahe. Dieser Kopf, "die äl­teste künstlerische Großplastik der Erde" (H. Kühn), hat leere Augenhöhlen, in denen einmal Augäpfel aus anderem Material saßen. Hierauf weist sehr präzis Bobrowskis Bei­wort "ungesichtig" im alten Wortsinn von "ohne Sehvermögen, ohne Augen" hin. Au­genlos 'blickend' - in dem Gedicht Erzählung heißt es "augenlos erblicke ich dich" (GW I 87) - wie dieser bald fünftausendjährige babylonische Frauenkopf in seiner schweren Schönheit, so erscheint dem Dichter das Antlitz der Sarmatischen Ebene. Auch das deutet auf eine späte Weltstunde, in der die vergangenen Geschichtszeiten der Ebene nur noch wie "riesiger Schlaf, / riesig von Träumen" gegenwärtig sind. In dieser späten Stunde rücken die Bilder der versunkenen Mythen zusammen und erhellen sich gegenseitig.

Weit zurück in die Geschichte weist vier Jahre später in knappester naturmetaphorischer Rede ebenso das kleine Gedicht Ebene.

EBENE

See.

Der See.

Versunken

die Ufer. Unter der Wolke

der Kranich. Weiß, aufleuchtend

der Hirtenvölker

Jahrtausende. Mit dem Wind

 

kam ich herauf den Berg.

Hier werd ich leben. Ein Jäger

war ich, einfing mich

aber das Gras.

 

Lehr mich reden, Gras,

lehr mich tot sein und hören,

lange, und reden, Stein,

lehr du mich bleiben, Wasser,

frag mir, und Wind, nicht nach.

(GW I 80)

Der hier spricht, der ein Jäger war, "der Hirtenvölker / Jahrtausende" hinter sich, der "hier" das Bleiben erst lernt, - er kann nur verstanden werden als der Mensch im Über­gang von der Hirten-, Jäger- und Fischerexistenz zum Ackerbau, vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit. Dieser Prozeß begann in den großen Ebenen im Neolithikum. Aber noch im letzten vorchristlichen Jahrhundert waren die Sarmaten ein Nomadenvolk. Erst mit den Ostslawen setzte sich seit dem 6. Jahrhundert in der Sarmatischen Ebene die Seßhaftigkeit durch. Wenn Bobrowski den Jahrtausende zurückliegenden Beginn dieses Prozesses als Ich-Rede im Präsens vorführt, so ist das im wörtlichen Sinn als der Heraufruf dieser frü­hen Weltstunde in die poetische Gegenwart zu verstehen, in dem Sinn, wie es 1959 in ei­nem Brief an Peter Jokostra heißt, der lyrische Vers müsse "wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel" werden. Hier also Beschwörung des Anfangs einer Weltzeit, deren Ende wir heute erleben. Das steht nicht mehr im Gedicht, wohl aber hinter ihm bzw. im Bewußtsein des Lesers der Verse. In den Interviews hat Bobrowski davon nie, dagegen ein- oder mehrere Male vor Lesungen seiner Gedichte gesprochen. Das be­legt die auf einem undatierten Brief Klaus Wagenbachs erhaltene Bleistiftnotiz Bobrowskis, vermutlich vom Januar 1963:

 3 Gesichtspunkte

1) Liebe zu den Völkern (Eurasien = Sarmatien) durch Kindheitserinnerungen gestützt, spätere Erfahrungen --> weiter:

2) Verhältnis Deutsche / Ostvölker

als unglücklich + schuldhaft erfahren, daher Verständnis —> Abbau der Irrtümer, Aversionen

3) umfassender:

Die im Neolithikum begonnene Seßhaftwerdung der Jäger, Fischer, Sammler, die Inbesitznahme des Bodens, die Bindung an ihn hat bis heute im wesentlichen ange­dauert. Dieses Zeitalter geht zuende, mit ihm also Vorstellungen wie Heimat, Heimweh, politisch: Nationalstaaten, Nationalbewußtsein, die zu Provinzialismen werden.

Die Kontinente rücken zusammen, Technik ermöglicht ein Denken in Großräu­men

Mit diesem Bewußtsein konzipiere ich eine Überschau des unwiderruflich Verge­henden für einen Raum, in dem diese Bindungen an den Lebensraum besonders tief verstanden worden sind: aber als Reisender, wenn Sie wollen, Wanderer, ein nicht mehr Dazugehöriger, als einer, der kommt und weggeht

noch einmal gültig darstellen, ehe es ganz vergangen ist

(GW IV 336)

In einem Brief an Alfred Kelletat vom gleichen Monat steht verkürzt dasselbe: "Ich mache bloß so ein Schlußpanorama für die zu Ende gehende Epoche der Seßhaftigkeit, welche im Neolithikum bekanntlich anfing, damit die Leute wissen, wie das war."

Die Sarmatische Ebene erfahren als Raum bewegter Völkergeschichte über Jahrtausen­de hinweg - kein Wunder, daß nach ihr einmal der erste Gedichtband seinen Titel erhalten sollte. Kein Wunder aber auch, daß aus dem Buchtitel Die Sarmatische Ebene bald die Sarmatische Zeit wurde. Schon die kleine Sammlung von zwanzig Gedichten, die V. O. Stomps im Herbst 1959 auf seiner Eremitenpresse drucken wollte - auch von ihr wissen wir nichts Näheres, da der Druck nicht zustandekam -, schon sie sollte Sarmatische Zeit heißen.

Ebenso hieß dann 1960 von Anfang an der erste endgültige Gedichtband, wie ihn die Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart im April annahm. In welch umfassenden Sinn die Ge­dichte allesamt die sarmatische Landschaft als Geschichtslandschaft meinten, konnte der Gedichttitel Die Sarmatische Ebene als Bandtitel nicht ahnen lassen, das leistete erst der Titel Sarmatische Zeit. Er zieht wahrhaft die Summe. Er meint die gesamte Geschichtszeit Osteuropas ebenso wie jene Zeit, die der Dichter dort selbst gelebt hatte, in Jugend-, Kriegs- und Gefangenschaftsjahren. Insofern die Sarmaten ein Nomadenvolk waren, das mit der Völkerwanderung aus der Geschichte verschwand, deutet die Sarmatische Zeit als Zeit des Dichters zugleich auf die düstere Bewegtheit seines persönlichen Lebensgan­ges, der ihn in den Kriegs- und Gefangenschaftsjahren westwärts bis an den Ärmelkanal, ostwärts bis jenseits der Wolga und für immer aus der Heimat geführt hatte.

Damit kommen wir zu dem zweiten Gedichtband, dessen Titel Schattenland Ströme die sarmatische Landschaft scheinbar direkter, durch die bindewortlose Koppelung beider Substantive aber auch schwieriger darstellt. Diesen zweiten Band sah Bobrowski im eng­sten Zusammenhang mit dem ersten, d.h. beiden zusammen wenigstens als Umriß des­sen, was der spätestens 1959 aufgegebene Großplan des Sarmatischen Divan gemeint hatte. Als er am 25. Oktober 1960 die Umbruchkorrekturen der Sarmatischen Zeit er­hielt, schrieb er an den Verlag nach Stuttgart:

Ich werde ohne Schielen und Zwinkern den zweiten Gedichtband fertigschreiben, bis Ende nächsten Jahres wahrscheinlich. Dann hab ich das Sarmatische Thema und Kindheit und alles zuende gebracht. Dann ist das Feld frei für Prosa.

Weit früher schon, im Mai 1961, lieferte Bobrowski ein vorläufiges Manuskript in Stutt­gart ab; der Vertragsabschluß für den ersten Band vom 7. Juni 1960 hatte, aller Skepsis zum Trotz, einen solchen schöpferischen Impetus ausgelöst, daß schon ein Jahr darauf der zweite Band, ein halbes Jahr früher als gemutmaßt, fertig vorlag. Im Vertrag vom 17. Juli 1961 hieß er Der Brunnen und der Strom.

Das war keineswegs die erste Titelgebung. Nach der Sarmatischen Zeit war es schwer, für den zweiten Band einen ebenso umfassenden wie charakteristischen Titel zu finden. Der früheste steht schon im Brief vom 14. August 1959 an Peter Jokostra: "Wenn näm­lich der Stomps wirklich den Band 'Sarmatische Zeit' macht, dann will ich in weiser Vor­aussicht den nächsten zusammenstellen: STROMGEDICHT". Das bezog sich entweder auf ein so betiteltes kleines Gedicht vom Juni 1958 (GW II 318), das wohl erst beiseite­gelegt wurde, als Bobrowski seine Anfangsverse Ende Januar 1960 in das Gedicht Ge­dächtnis für einen Flußfischer aufnahm, - oder schon auf das große Stromgedicht vom 11. Mai 1959, das zunächst aber offenbar monatelang ohne Titel blieb. Wie auch immer: die genaue Entsprechung zur ersten Titelgebung des ersten Bandes springt ins Auge. Beide Male gibt es ein Titelgedicht, beide Male die direkte motivische Anknüpfung an die so prinzipiell verstandenen Oden Die Ebene und Der Strom von 1944. Sehen wir uns von den beiden "Stromgedichten" das zweite, das große von 1959 an:

STROMGEDICHT

Traum,

jählings,

aus Feuern der Habichtsnacht,

Tieraug,

Blitz unter reglosem Lid

vor, Pfeilbündel Schilf,

wo der Otter, ein Herzsprung,

taucht.

Vor den Aufschein,

die weiße

Mauer aus Licht,

vor den steigenden

Horizont, von Geschrei überglänzt,

von der Tiefe erhoben,

über die Finsternis,

dem ruhlosen Tierherz,

Fraß und Brut,

tritt der Strom,

er kommt

waffenlos, ein anderer

Held, der schlang seine Kindheit

ein, es ist der Wald nun

die Speise und folgt ihm

an den Berg,

an die Schwärze auf

- der Kalmus im Schwerttanz

glänzt vor dem Tag -,

in das Dunkel der Brüche

bis an das Dunstland: Inseln,

schwebend, Morast, gestürzte

Tore, eingesunkene

Bögen, Fahnen aus Vogelgeripp

und Tang -

auf dem Schlick

stirbt er, auf den Watten

noch Spur seines Atems, Möwen

decken sie zu.

Traum,

mit des Habichts Schrei

endend, dem Rauschen,

 

hoch,

Zeichen an bläulicher Wand,

gekratzt in den Mörtel

mit dem Nagelrand, Bild,

Abbild,

sarmatisch,

lange

folg ich dir,

Strom,

an Rändern der Wälder,

ermattend

leicht, im alten

Zinn ein Geräusch..

(GW I 54 f.)

Von diesem Gedicht schrieb Bobrowski einen Monat nach der Niederschrift an Peter Jokostra:

Im Gedicht ging es nur um die Gestalt, sozusagen, eines ganzen Stromes - Größen­ordnung etwa zwischen Düna und Wolga. Daher die Länge. Und dann: Auf Einzel­schönheiten, sozusagen, kam es nicht an. Ich bin entschlossen, es für den Höhe­punkt der letzten Jahre zu halten, sonst kann ich nicht weiterschreiben.

Das griff die Intention der kurländischen Ode in aller Deutlichkeit auf ("Das Prinzip etwa des Stroms ... zu fügen"). Was das Gedicht zu einem wirklichen, freilich auch schwieri­gen "Höhepunkt" der sarmatischen Lyrik Bobrowskis macht, ist die völlige Tilgung des bisher vorherrschenden Erinnerungsgestus, ist die aufs äußerste gesteigerte poetisch-vi­sionäre Gegenwärtigkeit seines Gegenstandes bei gleichzeitig größter Ferne von aller Realität. Diese Vision heißt hier "Traum". Wie er mit Tieraug und Habichtsnacht in visio­närer Schärfe einsetzt, so endet er "mit des Habichts Schrei", nur daß damit das Gedicht noch nicht endet. Die noch folgenden Verse setzen das mit dem Fingernagel in die Wand eingekratzte "Abbild" des Stroms in engsten Bezug zu dem Traum, mit ihm wohl gar gleich. Denn indem das Ermatten des Ich zugleich "im alten /Zinn ein Geräusch" ist, fin­det am Schluß das Verfolgen des Stroms unmittelbar im Zimmer des Sprechenden statt, dort, wo das Abbild des Stroms als eine Art Beschwörungszeichen in den Mörtel gekratzt ist.

Im Gegensatz zur Sarmatischen Ebene wird der Strom nicht angeredet. Aber mit den Worten "er kommt / waffenlos, ein anderer / Held, er schlang seine Kindheit / ein" ge­langt er versweise zur gleichen mythischen Personalität. Wird diese durch die scharfen Naturdetails reduziert, so bleibt sie doch bis zum Ende des Traums erkennbar, so wenn der Strom "stirbt" und die Möwen die "Spur seines Atems" zudecken. Dazu gehört in ge­nauer Entsprechung die Nennung des sarmatischen Namens, freilich erst mit dem Abbild des Stroms an der Wand. Nur die Vokabel "sarmatisch" öffnet hier ganz assoziativ auch die historische Dimension, die in der Sarmatischen Ebene den zweiten Teil des Gedichts durchweg bestimmt.

Erst von diesem zweiten Stromgedicht möchte man glauben, daß es anfangs als Titel­gedicht des zweiten Bandes dienen sollte. Da es aber noch in den ersten Band aufgenom­men wurde, mußte für den zweiten ein neuer Titel gefunden werden. Im August 1960 und noch im März 1961 dachte Bobrowski an Wetterzeichen. Das bezog sich abermals auf zwei Gedichte, ein dreistrophiges vom 29. Juni 1960 (GW II 338), das allzu summa­risch, vollmundig und verklärend redet, und auf das große Wetterzeichen-Gedicht vom 23. November desselben Jahres, das seinen gewichtigen Platz am Schluß der ersten Ab­teilung des zweiten Bandes erhielt. Hier wieder nur das zweite Gedicht:

WETTERZEICHEN

Mit dem Fluß hinab,

dem Wiesenfluß

und den wilden Gerüchen

der Wälder, redend

laut mit dem Sommerlicht

und den Vögeln

gegen den Abend, im Dunkel

den Fledermäusen - im Winkelflug

fuhren sie auf und hinab

um eine Scheuer mit kleinen

Drachenflügeln - redend

kam ich hierher, hier bin ich,

auf dem Sandberg, ins trockne Moos

setz ich den Fuß, den breiten

Himmel hab ich getragen,

die atmenden Lüfte, ich schwanke,

es ist ein Rauschen, ich hör

in der dröhnenden Finsternis,

 

hör auf den Fluß, er lag

über dem Sand, die Hände

führte der Wind ihm,

der Sommer kam

mit Ermattungen, mit

Blut in den Augen, zuckenden

Schläfen, den Mund voll Rost,

meinem Fluß, der den Feuern

geht im Schatten der Fische,

im Schatten des Schilfs entgegen,

im Schatten der Bäume –

 

Flamme, flieg, die Küsten

fahren einwärts ins Land,

lautlos, wehend von Dünen,

um das verlassene Meer

sinken die Steine - Feuer,

leg in den Sturm die Schwingen

wie Rauch, er trägt vor den Wettern

dich, vor der rasenden Stille,

 

eh die Himmel brechen,

die siedenden Wetter, zerbrochen

die Lüfte dann, auf dem Sand

reglos der Fluß

 

und der Hügel getroffen,

ich halt einen Baum, ich red noch:

Wir sahen kommen die Zeichen

und schwinden, her durch die Stille

zwei Federn fielen herab.

(GW I 98 f.)

Zu dem schwierigen, zeichen- und bilderreichen Gedicht sei hier nur bemerkt, dem Vergleich mit anderen Gedichten hervorgeht, daß nämlich mit dem "Wiesenfluß" Jura, mit dem "Sandberg" der kleine Friedhofshügel von Motzischken an der Jura gemeint ist, also jene großelterliche Ferien- und Kindheitslandschaft auf der litauische Memelseite, von der Bobrowski gern so sprach, als sei dies seine alleinige Kindheitswelt wesen. Über diese Landschaft bricht eine Wetterkatastrophe herein, die zuletzt apokalyptische Züge annimmt, d.h. in der Sprache der Naturzeichen offenbar Verlust und gang dieser Welt ankündigend umschreibt, also auf den Zweiten Weltkrieg zu beziehen ist. "Wir sahen kommen die Zeichen / und schwinden."   das erinnert als karge Zusammenfassung an mehrere Bibelstellen, vor allem an Lukas 21,11 "Auch werden Schrecknisse und große Zeichen von Himmel geschehen", womit Jesus vom künftigen Untergang Jerusalems spricht.

Auch der Titel dieses außerordentlichen Gedichts wurde als B a n dtitel wieder gelassen, vielleicht weil er mit nichts auf die sarmatische Landschaft wies. Sollte März 1961 noch gelten, so schrieb Bobrowski am 5. Mai überraschend an Christoph Meckel, der Band sei abgeschlossen und heiße Der Wachtelschlag, "weil der Titel, das Zentralgedicht ist, das die dreiteilige Anlage beider Bändchen zusammennimmt." Das große Eingangsgedicht des zweiten Bandes (GW I 76 f.) war im Februar 1961 entstan­den. Indem es die litauische Kindheitslandschaft, mit Mickiewicz-Assoziationen die pol­nische Geschichte und heidnische Vorzeit Sarmatiens und die Bilderwelt der russischen Holzkirchen traumhaft verknüpfte, reflektierte es tatsächlich die Dreigliederung beider Gedichtbände in Gedichte auf die ostpreußisch-litauische Jugendwelt, in Porträtgedichte und in solche auf die im Krieg erfahrene russische Welt.

Als Bandtitel war dieser Titel freilich ebenso wenig sarmatisch als Wetterzeichen. So hieß der zweite Band schon kurz darauf, scheinbar endgültig, Der Brunnen und der Strom. Ein so betiteltes Gedicht war am 13. Mai entstanden (GW II 341), am 5. Juni schrieb Bobrowski an Meckel, der neue Bandtitel solle "den engeren, heimatlichen und den größeren, panslawischen" Themenkreis zusammenschließen. Im Verlagsvertrag vom 17. Juli 1961 hieß der Band ebenso. Das Titelgedicht war bisher nur in seiner überarbei­teten Gestalt als Auf einen Brunnen aus dem Band Wetterzeichen bekannt. Auch dieses Gedicht vom zerberstenden Brunnen, vom versiegenden Wasser, vom verdorrenden Moos meint, indem es vom Lied der Flößer und vom Kaftanjuden spricht, allein und deutlich den Untergang der Heimat, leistete deshalb als Titelgedicht jenen Zusammen­schluß des heimatlichen und des panslawischen Themenkreises gerade nicht, den Bo­browski intendierte. Völlig andere kritische Erwägungen traten ganz zuletzt hinzu und führten - im fünften Anlauf- erst in letzter Minute zu dem endgültigen Titel, auch dieses Mal erst, als Bobrowski sich von der fixen Idee eines Titelgedichtes ebenso frei machte wie bei der Titelgebung des ersten Bandes.

Das läßt sich genau belegen. Am 25. Oktober 1961 kündigte Felix Berner, der ver­dienstvolle Lektor in Stuttgart, die Korrekturen des zweiten Bandes an. Daraufhin schloß Bobrowski seinen Antwortbrief vom 3. November mit der Bemerkung: "Der Titel Der Brunnen und der Strom ist mir inzwischen ein bißchen verdächtig, von wegen Allegorie. Wenn Sie einen besseren wüßten —" Berner wollte bei dem bisherigen bleiben, es sei denn, daß Bobrowski "etwas sehr viel Besseres und das bald" einfiele. Daraufhin schrieb dieser am 20. November:

Am liebsten war mir Schattenland Ströme und dann darunter Gedichte, weiter nichts. Ich will natürlich nicht darauf bestehen. Es war mir bloß lieb, weil meine Erfahrungen aus Lesungen besagen, daß das Mißverständnis, ich wollte mit Allego­rien wirtschaften, ziemlich nahe liegt. Die beiden Vokabeln, so einfach zueinander gestellt, müßten (hoff ich) Assoziationen erwecken, die auf eine Art magischer Fi­gur hinauslaufen. Und darauf kam es an.

In Stuttgart fand man den neuen Titel "tatsächlich besser". Da aber der Band schon gesetzt war, konnte die Titeländerung erst in der Umbruchkorrektur erfolgen, die Bobrowski am 8. Dezember zurückschickte. Das Titelgedicht Der Brunnen und der Strom nahm er her­aus.

Was Bobrowski anstrebte, im Bandtitel "eine Art magischer Figur", bezeichnete keine eigentliche neue Schreibintention. Daß der Vers "wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel" werden müsse, hatte - wir erinnern uns - schon in einem Brief von 1959 gestanden. "Zauberspruch", "Beschwörungsformel" und nun "magische Figur" - das bindet Bobrowskis Gedichtverständnis rückwärts über den Symbolismus hinweg an die deutsche Romantik bis hin zu ihren Wurzeln bei Herder und Hamann.

Mit den "Strömen" knüpfte auch der endgültige Bandtitel noch an die beiden früheren Titelgebungen Stromgedicht und Der Brunnen und der Strom an, nur daß der artikellose Plural nun Größenordnungen der sarmatischen Landschaft beschwört, die an sinnlich­poetischer Kraft den ersten Bandtitel Sarmatische Zeit sogar übertreffen. Seine eigentüm­liche Färbung und Tiefe erhält er aber erst von dem Wort "Schattenland", das eine Neufindung Bobrowskis war. In seinen bisherigen Gedichten, einschließlich denen des zwei­ten Bandes, kam es nicht vor. Das so betitelte Gedicht Schattenland entstand erst am 30. Januar 1962. Weisen die "Ströme", wenn in den Versen ihre Namen fallen, noch auf die geographische Wirklichkeit, so bezeichnet die Vokabel "Schattenland" im Bandtitel allein und machtvoll den besonderen imaginären Status der Welt dieser Gedichte.

Was es bisher schon gab, war der vertiefte, vor allem personale Gebrauch der "Schat­ten"-Vokabel, wie er für die Gedichte ab 1960 als charakteristisch gelten darf. Im Gedicht Der Ilmensee 1941 (GW I 53) vom Juni 1959 erscheint ein "Schattengesicht", als pure Vokabel vermutlich aus der Schlußstrophe von Bürgers Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain ebenso entlehnt, wie die "Schattenfabel von den Verschuldungen / und der Sühnung" in dem späteren Gedicht An Klopstock (GW I 161) aus Herders Gedicht Mein Schicksal genommen ist ("Meines Lebens verworrene / Schattenfabel! / o frühe be­gann sie schon"). Zum Schluß des Gedichts Seestück (GW I 102) ("windlos, Nacht, ich fahr, / Schattengestalt") hat Bobrowski zu Vandenbroeck ausdrücklich erklärt, er habe die Vokabel "Schattengestalt" bei Herder gefunden. Das dürfte sich besonders auf den letzten Abschnitt des 2. Kapitels des 8. Buchs der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit beziehen ("Großer Geist der Erde, mit welchem Blicke überdauerst du alle Schattengestalten und Träume, die sich auf unserer Kugel jagen!"). Mit "Schattengestal­ten" als Einwortvers schließt auch Klopstocks, des geliebten "Zuchtmeisters", Land­schaftsode Die Roßtrappe. Für die "Schatten" insgesamt ist vor allem auf die ersten Sätze des 15. Buches der Ideen zu weisen (die gesamte Einleitung gehörte zu Bobrowskis Lieblingstexten): "Wie Schatten gingen uns Ägypten, Persien, Griechenland, Rom vor­über, wie Schatten steigen sie aus den Gräbern hervor und zeigen sich in der Geschichte". Daß wir auf Erden nur "Schatten" und "Schattengestalten" sind, ist eine zentrale Vorstel­lung Herders. "Denn Schatten sind wir, und unsre Phantasie dichtet nur Schattenträume" heißt es kurz nach dem ersten Ideen-Zitat.

Das Gedicht Dorfkirche 1942 (GW I 132) von 1960 kennt zwar kein Ich, aber wen sollten die Worte "der auf den Höhen umher/ geht, finster, der eigene / Schatten" meinen, wenn nicht den, der die Verse spricht. Offenbar ist er nur als Schatten überhaupt gemeint. Vor der zerstörten russischen Dorfkirche der deutsche Soldat Johannes Bobrowski als Schatten finster - so handfest ist hier das Bild zu verstehen. Da verbindet sich der existentielle Sinn der Schatten-Vokabel mit dem vehement moralischen. Das Unwirklich-Un­menschliche der eigenen Existenz als Soldat der Hitler-Wehrmacht in Nordrußland und die eigene Mitschuld sind im Schattenwort poetisch eins.

Bleibt es in dem Gedicht Seestück noch offen, wenn auch wahrscheinlich, daß mit "Schattengestalt" der eigene Tod in den Blick kommt, so begegnet der "Schatten" in den Gedichten des Bandes Wetterzeichen ganz, betont als hiesige Existenzform des Gestor­benseins. Damit geht Bobrowskis "Schatten"-Begriff über Herder hinweg unmittelbar auf den antiken Glauben zurück, daß die Toten als Schatten in der Unterwelt des Hades ein Scheindasein fortführen. Von dorther konnte Schatten leicht auch zur gespenstischen Er­scheinung oder zum bloßen oder geisterhaften Erinnerungsbild, zum betont Unwirklichen einer Erscheinung oder zum Abbild höherer Wirklichkeit werden. In all diesen und ver­wandten Bedeutungen findet sich das Wort bei Klopstock, Hamann, Herder, Bürger, Goethe, Schiller, Hölderlin und Jean Paul.

Bei dem von Bobrowski früh genau gekannten Hölderlin bezeichnet der antike Schat­ten-Totenbegriff in drei zentralen Texten irdisch-hiesige Existenz in ihrer Glücklosigkeit, in Liebes- und Gottesferne. Zweimal geht es um das verlassene, einsame Ich in seinem reduzierten Dasein: "wenig lebt ich; doch atmet kalt / Mein Abend schon. Und stille, den Schatten gleich, / Bin ich schon hier" (An die Hoffnung 5-7); "auch mich hab ich verlo­ren mit ihr, / Darum irr ich umher, und wohl, wie die Schatten, so muß ich / Leben" (Menons Klagen an Diotima 54-56). In der Schlußstrophe der Elegie Brot und Wein heißt es in der gegenwärtigen Zeit der Nacht und Gottesfeme von den Menschen, an de­nen von einstiger Wahrsagung zwar "so vieles geschieht", aber "Keines wirket", lapidar: "denn wir sind herzlos, Schatten" (152 f.); drei Verse später tritt Christus als "Fackel­schwinger" "unter die Schatten herab". Von solcher Verwendung der Schatten-Vokabel scheint Bobrowskis Wortgebrauch vornehmlich inspiriert zu sein, wo er nicht der eindeutigen Totenexistenz gilt. Wenn es in dem Gedicht Hölderlin in Tübingen heißt: "vor die­ser Tür / ging der Schatten, er ist / gefallen auf einen Fluß / Neckar" (GW I 107), so meint das nicht nur den Schatten, den die Gestalt Hölderlins wirft, sondern den wahnsin­nigen Dichter auch selbst in seiner reduzierten, schemenhaft gewordenen Existenz.

In der Assoziationsbreite und -tiefe des solcherart weither vermittelten "Schatten"-Begriffs fand Bobrowski die Möglichkeit, sowohl das Uneigentliche samt der Schuldbela­denheit seiner Existenz als deutscher Soldat im Krieg am Ilmensee als auch das unwider­rufliche Vergangen- und Verlorensein der sarmatischen Kindheitswelt, gleichzeitig aber auch beider im Bewußtsein noch immer bedrängende innere Gegenwart in ein knappes Bild zu bringen, ein Bild, das, wie so vieles in seinen Gedichten, an alte und ehrwürdige Traditionen in Freiheit und doch fester anknüpft, als es zunächst den Anschein hat. So deutet auch das Wort "Schattenland", das ihm zumindest aus Schillers Lied von der Glocke ("Denn sie wohnt im Schattenlande, / Die des Hauses Mutter war") früh vertraut war, im Titel des zweiten Gedichtbandes auf beides hin: auf den schuldhaft-unwiderbringlichen Verlust der einstigen Heimat wie auf die eigentümliche innere Präsenz dieser und der gesamten im Krieg erfahrenen sarmatischen Welt im Bewußtsein des Dichters.

Zum Schluß sei noch ein kurzer, weil aufschlußreicher Blick auf das gleichnamige Ge­dicht Schattenland vom 30. Januar 1962 geworfen. Der Bandtitel ist sicherlich umfas­sender zu verstehen als der Titel des darauffolgenden Gedichtes, aber die Bedeutung des letzteren im ersten allemal mitenthalten.

SCHATTENLAND

Die Raschelstimmen,

Blätter, Vögel, drei Wege

kam ich

vor einem großen Schnee.

Auf dem Ufer, Grannen und Kletten

im Ringelhaar, mit ihren Hunden

Ragana schrie nach dem Fährmann, im Wasser

stand er, mitten im Fluß.

Einmal

folgend den Nebeln,

über die Senke mit goldenen Flügeln

zogen die Trappen, sie setzten

auf die Gräser den hornigen Fuß,

Licht flog, der Tag ihnen nach.

Kalt. Auf der Spitze des Grashalms

die Leere weiß

bis an den Himmel. Der Baum

aber alt, dort ist

ein Ufer, Nebel mit dünnen

Gelenken gehn auf dem Fluß.

 

Finsternis, wer hier lebt,

spricht mit des Vogels Stimme.

Ausgefahren sind

Windlichter über den Wäldern.

Kein Atem hat sie bewegt.

(GW 1160)

Das Gesamt dieser geisterhaften Landschaft ist nach der Überschrift Schattenland. Wo­hin sie gehört, zeigt der fremde Name in der ersten Versgruppe an. "Ragana" ist eine zau­berkundige, unheilbringende Hexe der litauisch-lettischen Mythologie. Wenn nicht direkt noch aus dem Volksglauben, so kannte sie Bobrowski zumindest aus Alfred Brusts ver­gessenem Roman Die verlorene Erde (1926), den er besaß und der ihn mit seiner pruzzisch-litauisch-jüdischen Welt in der Jugend stark beeindruckte. Gleich im zweiten Kapi­tel ist von einer Spukgestalt an der Memel die Rede, die im Volk Ragana heißt und die in großen Abständen in eine Menschenfrau eingeht und während dieser Zeit nicht spukt. So weist die Ragana des Gedichts abermals in Bobrowskis Jugendwelt zurück; vielleicht daß mit dem "Fluß" auch hier an die litauische Jura gedacht ist.

Zu dem Gedicht hat sich der aufschlußreiche vielkorrigierte handschriftliche Entwurf erhalten. Darin lauten die Verse 5-7: "Hekate über dem Ufer, das Ringelhaar / voll Klet­ten, mit ihren Hunden / schrie nach dem Fährmann, im Wasser / stand er mitten im Fluß". Anstelle der litauischen Hexe oder Spukgestalt zuerst die spätantike Göttin der Geister und Gespenster - das klärt die Szenerie der ganzen Versgruppe auf. Hekate führt nach an­tiker Sage mit ihren Hunden das nächtliche Geisterheer an; als Herrscherin der Unter- und Totenwelt ist sie eng verbunden mit Charon, dem Fährmann über den Acheron; ihr bevor­zugter Aufenthaltsort sind die Kreuz- und Dreiwege. Der Fährmann, die Hunde, die drei Wege sind in der Überarbeitung stehen geblieben. So ist Bobrowskis Ragana eine litau­ische Hekate, die antike Gespenster- und Totenlandschaft ragt in die sarmatische Land­schaft hinein, und die antike Herkunft der Schattenvokabel im Gedichttitel wird mit Hän­den greifbar, ohne daß die antiken Vorstellungen auf plane, klassizistisch-"korrekte" Wei­se übernommen sind; in der Antike gibt es keinen Charon, der i m Acheron steht, keine Hekate, die nach dem Fährmann Charon ruft. Es ist jener freie Umgang mit Elementen der Mythologie, der genau das erreicht, was der Gedichtbandtitel Schattenland Ströme bewirken sollte, das Erwecken von Assoziationen, "die auf eine Art magischer Figur hin­auslaufen".

Auch dieses Gedicht deutet auf den Untergang der sarmatischen Welt. Das Ich kam "vor einem großen Schnee". In Analogie zum Naturzeichensinn von Schnee und Eis in ändern Gedichten heißt das: vor dem großen Unheil, vor dem schuldhaften Verlust und Untergang der Heimat. Noch wird mit dem "Einmal" der zweiten Versgruppe stellvertre­tend die einstige Helle dieser Welt in einer fast ätherischen Naturepisode erinnert: Die Trappen zogen "mit goldenen Flügeln" über die Senke, "Licht flog, der Tag ihnen nach". Vielleicht daß damit schon angedeutet ist, wie das Leben, wie Licht und Tag diese Welt verlassen werden. Von Licht und Leben fast gänzlich verlassen ist die Landschaft in der dritten und vierten Versgruppe. Sie ist nur noch hadesähnliches "Schattenland". Daß es hier früher einmal anders war, sagte der Vers "Finsternis, wer hier lebt" zunächst deutli­cher, wenn es in dem Entwurf hieß: "Finsternis, wer hier noch lebt". Von den "Windlich­tern" über den Wäldern war zunächst zusätzlich gesagt: "Niemand hat sie gehört". Das meint dasselbe wie der Schlußvers: "Kein Atem hat sie bewegt", nämlich: da ist niemand mehr, der sie hört, niemand, dessen Atem sich mit ihnen mischt, d.h. - da "niemand" sich nur auf Menschen beziehen kann - da ist kein Mensch mehr. Dann aber muß "wer hier lebt, / spricht mit des Vogels Stimme" so verstanden werden, daß hier nur noch Vogelle­ben existiert, allenfalls in Vogelexistenz verwandeltes Menschenleben (was im Hinblick auf den antik-mythologischen Hintergrund des Gedichts nicht völlig von der Hand zu weisen ist, man denke an die Sage von Alkyone und Keyx, die in Eisvögel verwandelt wurden).

Indem das "Schattenland" mit seiner eigentlichen Beschreibung in der zweiten Gedicht­hälfte vom Präteritum ins Präsens rückt, ist es auf imaginäre Art ein gegenwärtig-wirkliches. Es in dieser Gegenwärtigkeit noch auf irgendeine außerpoetische Wirklichkeit zu beziehen, ist nicht statthaft. Es meint nur sich selbst als innere Realität, getragen freilich von einer visionären Kraft der Veranschaulichung. Auf dieser letzten Stufe, so darf wohl gesagt werden, ist die sarmatische Landschaft als "Schattenland" im extremen Sinn zu ei­ner einzigen großen Metapher für die Grundbefindlichkeit des Dichters geworden. Aber auch das ist als eine Sinnvariante in dem Gedichtbandtitel Schattenland Ströme als assoziationsreiche magische Figur schon mit enthalten. Diese Grundbefindlichkeit wird für das Gedicht Schattenland auf bewegende Art deutlich in dem Brief, den Johannes Bobrowski am gleichen Tag wie den ersten Entwurf des Gedichts an seinen wohl engsten Freund, den Lyriker Max Hölzer in Frankfurt am Main schrieb; man möchte meinen, daß die erste Niederschrift der Schattenland-Verse unmittelbar vorausgegangen oder unmit­telbar gefolgt sei.

30.1.62

Mein lieber Max, wie soll ichs Dich spüren lassen, was mich immer überkommt, wenn ich Deinen Brief in die Hand nehme, wenn ich an Dich denke, die Bataille-Übertragung lese, mir vorstelle, wie Du jetzt lebst - riesiger Raum, riesige Fenster, Blick zum Taunus, hunderte Manuskriptblätter dann? Ich sehn mich danach, dort ir­gendwo in der Nähe zu hausen, dann irgendwann vorbeizukommen, ins Fenster zu sehen, ob Du da bist.

Seit Monaten nicht geschrieben, in einer Dürre lebend, die die Erinnerung daran, daß ich ja doch geschrieben habe, wie eine Fata Morgana erscheinen läßt - getrennt von den Freunden, auch den hiesigen - und doch mit einer geradezu eschatologischen Hoffnung, die mich mit einer Ruhe und Sicherheit erfüllt, für die ich die Gründe nicht mehr beibringen kann.

Meine große Sorge: Deine Gedichte [...] Wenn man allenthalben sieht, wie die Kellerasseln zum Namen Tausendfuß kommen. Als war das so irgendwas, Gedich­te zu machen, als gab man nicht an einen Vers seine Gesundheit z.B. dran. Eines Tags fang ich wieder an. Ganz große, leere Räume, nur mit Wind und Bäumen, un­ter den Nebeln der Strom, schwarz, und in der Ferne das Meer. Wie muß da eine Vogelstimme sein. So ungefähr. Aber es kommt nur manchmal bis auf einige Ent­fernung heran.

Zu diesem Brief wäre viel zu sagen, eine Abhandlung müßte es tun; ein Vortrag darf es unterlassen, vertrauend auf den Nachhall solcher Briefworte in den Zuhörern.

 

Nachbemerkung

Die Werkzitate folgen der von mir besorgten Ausgabe der Gesammelten Werke Bobrowskis (4 Bde, Berlin/Stuttgart 1987), die Briefzitate der in Vorbereitung befindlichen Auswahlausgabe seiner Briefe. Eine erste Fassung der Ausführungen über den Bandtitel Schattenland Ströme findet sich in der Festschrift für Marian Szyrocki (Daß eine Nation die ander verstehen möge, Amsterdam 1988, S. 333-348)

 

© Eberhard Haufe 2011